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1. Oktober 2014

Zwischen Not und Elend: (Über)Leben im Wollepark

Im Wollepark leben die Ärmsten der Armen. Sie teilen sich zum Teil mit mehr als einem Dutzend Menschen eine Wohnung und kommen auf dem Arbeitsmarkt als Billiglöhner zum Einsatz. Auch die äußeren Lebensumstände wie der Zustand der Wohnanlagen und die Müllentsorgung im Quartier sind dringend verbesserungsbedürftig. Höchste Zeit, dass sich etwas ändert.
 
Dass der Wollepark nicht gerade Delmenhorsts Antwort auf Hamburg-Blankenese ist, sollte hinlänglich bekannt sein. Doch wie erschütternd die Zustände vor Ort teilweise tatsächlich sind, wissen nur wenige. So leben etwa in der Straße Am Wollepark, aber auch anderswo im Quartier etliche Bulgaren, die noch keinen Anspruch auf Hartz IV erworben haben, vom Kindergeld. Da sie zum Teil nicht lesen können und kein Deutsch verstehen, werden sie oft von eiskalten Geschäftemachern abgezockt. Etliche sind bereits an albanische Vermittler geraten, welche sie an Zeitarbeitsfirmen weitervermittelt haben – zum Dumpinglohn. Werkverträge, zum Beispiel zwischen diesen Firmen und Redereien, machen es möglich, dass die Billig-Bulgaren für gerade mal 6 Euro schuften müssen, zum Teil unangemeldet und ohne Krankenversicherungsschutz. Auch bei Abbruchunternehmen oder in der Wurstproduktion kommen sie zum Einsatz.
 

Der Trick mit der EC-Karte

Der Umgang untereinander ist auch nicht immer zimperlich. Wie ein Insider berichtet, gibt es Bewohner, die dem polnischen Zigeuner-Milieu zuzurechnen seien, die polnische Landsleute in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den Wollepark locken. Doch die Realität nach der Einreise sieht anders aus: Kaum hier angekommen, drängt man sie zur Eröffnung eines Girokontos und nimmt ihnen anschließend die EC-Karte ab. Mit dem wertvollen Stück Plastik wird munter eingekauft, weit über die Deckung des Kontos hinaus. Doch wenn anschließend die Polizei wegen Betrugsverdacht klingelt, sind die Kontoinhaber die Dummen. Die Polizei bestätigt, dass es Fälle gibt, bei denen die vermeintlichen Täter die Karte tatsächlich nicht (mehr) haben. Aufgrund mangelnder Kooperation mit der Polizei könne aber nur schwer nachgewiesen werden, wer dahintersteckt.
 

Vermieter als Profiteure

Da die ins Land Gelockten zum Teil nicht einmal wissen, wo sie schlafen sollen, brechen sie Türen leer stehender Wohnungen auf und quartieren sich dort ein. Doch auch jene, die eine Wohnung haben, leben nicht zwangsläufig komfortabler. So gibt es Wohnungen, in denen mehr als ein Dutzend Menschen hausen. Auf die Unterstützung ihres Vermieters brauchen sie nicht zu hoffen. Etliche Gebäude sind in der Hand großer Finanzinvestoren, für die nur die Rendite zählt. Auch wer an einen privaten Vermieter gerät, ist nicht unbedingt besser dran. Einige von ihnen führen nur unregelmäßig die Nebenkosten an die Versorger ab, sodass die Stadtwerke bereits in mindestens einem Fall schon kurz davor standen, das Wasser abzustellen. Manche Vermieter nutzen ihre Mieter auch gern als billige Arbeitskraft für Renovierungsarbeiten. Und die Mietpreise sind im Verhältnis zur Wohnlage saftig. Kein Wunder, die Menschen, die dort leben, sind aufgrund ihrer sozialen Herkunft anderswo nicht willkommen.
 

Müll, der aus dem Fenster fliegt

Neben den Arbeitsbedingungen sind auch die Wohnzustände desolat. Manche Wollepark-Bewohner haben die Müllentsorgung nach westlichem Vorbild noch nicht verinnerlicht und werfen den Unrat einfach aus dem Fenster vor das Haus. Auch Urin und Kot im Hausflur gelten nicht als absolute Ausnahme. Kürzlich besuchte Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt das Quartier. Auf ihrer Tour, bei der sie auch dem Stadtteil Düsternort und der Gemeinschaft Hasport einen Besuch abstattete, hörte sie sich im Nachbarschaftsbüro die Probleme der Menschen im Wollepark an. Auch Vertreter aus Brennpunkten anderer niedersächsischer Kommunen waren zu Gast. Zur Sprache kamen die Themen Arbeitssperre während der Antragsphase der Asylbewerber, Mieterabzocke durch Finanzinvestoren und auch das Müllentsorgungsverhalten mancher Bewohner. Die Ministerin gab zwar Tipps, wie etwa den Vorschlag einer gemeinschaftlichen Mietminderung, falls Mängel am Haus nicht abgestellt würden, doch die große Lösung konnte auch sie nicht bieten.
 

Die Stadt hat resigniert

Unsere Redaktion hat mit mehreren Insidern gesprochen, welche die Zustände vor Ort sehr gut kennen und sie zum Teil selbst erlebt haben. Doch öffentlich dazu äußern will sich aus Angst vor Repressalien niemand. Die Stadt hat auf Nachfrage zum Thema Wollepark eingeräumt, dass ein Zugang zu den Bewohnern der Häuser Am Wollepark 11 und 12 nicht einfach so möglich sei. Nach Deldorado-Informationen hat die Stadt Delmenhorst im Februar dort knapp 100 Menschen aus dem Melderegister gestrichen, weil sie schon lange nicht mehr dort wohnten. Anzeigen wegen Gefährdung des Kindeswohls würde man aber nachgehen und auch die Schulpflicht gelte dort. Für ein weiteres Eingreifen sieht die Stadt jedoch keine rechtliche Handhabe und verweist in den Betrugsfällen auf die Zuständigkeit von Polizei und Zoll. Vor diesem Hintergrund sind die Hoffnungen, dass sich an der Misere bald etwas ändert, gering.


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