Polizei in der NS-Zeit
1. März 2014

Von Aktivisten und Schreibtisch-tätern

AUSSTELLUNG ZUR ROLLE DER POLIZEI IN DER NS-ZEIT WURDE IN DELMENHORST GEZEIGT
Delmenhorst hat ja in seiner jüngeren Vergangenheit durchaus Erfahrung mit dem „Kampf gegen rechts“ gemacht. Man denke dabei nur an die Geschehnisse um die vereitelte Übernahme des Hotels am Stadtpark durch die NPD. In dieser Tradition sieht Bürgermeister Patrick de la Lanne nun die neuste Maßnahme der Stadt: Im Februar wurde im Rathaus eine Ausstellung der Polizei zu ihrer Rolle während der NS-Zeit gezeigt.
 
Allein wenn man das Zitat liest, läuft es einem schon kalt den Rücken herunter. „Ein Greis war in die Grube gefallen. Er wollte sich mit einem Messer die Blutgefäße an der Hand durchschneiden. Jeckeln trat an die Grube heran und schrie aus: ‚Du hast kein Recht, dir das Leben zu nehmen‘ und erschoss danach den Greis mit seiner Pistole.“ Was beinahe wie das Zitat aus einem Hollywood-Film klingt, hat sich während der NS-Zeit in der Ukraine wohl tatsächlich so abgespielt. Ans Licht kam der Vorfall im Zuge des Kriegsverbrecher-Prozesses nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gegen den ehemaligen Braunschweiger Polizeipräsidenten Friedrich Jeckeln, der, so berichten die Chroniken, vor Ort an der Erschießung von rund 33.000 Menschen beteiligt gewesen sein soll.
 

Ausstellung konzentriert sich auf Niedersachsen

Jeckeln, der zu diesem Zeitpunkt Offizier der Waffen-SS war, ist dabei nur ein besonders schlimmer Fall der Gräueltaten, die Angehörige der deutschen Polizei in der Zeit des Nationalsozialismus begangen haben. Grund genug für die deutsche Polizei, die damals begangenen Untaten aufzuarbeiten, wenngleich dies auch erst reichlich spät tatsächlich geschah. Ergebnisse dieser Aufarbeitung werden seit dem Jahr 2011 einer breiteren Öffentlichkeit im Zuge der Ausstellung „Ordnung und Vernichtung – Die Polizei im NS-Staat“ präsentiert. In der Zeit vom 10. bis zum 28. Februar gastierten Teile dieser Ausstellung, die sich insbesondere mit Geschehnissen in Niedersachsen beschäftigen, auch im Delmenhorster Rathaus. „Experten der Polizei beschäftigen sich nun seit etwa zehn Jahren mit der Rolle der Polizei während der NS-Zeit, warum dies allerdings erst so spät erfolgt, darauf kann auch ich keine wirklich plausible Antwort geben“, erklärte Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius anlässlich der Eröffnung der Ausstellung am 7. Februar. Natürlich gebe es Hypothesen, wie zum Beispiel die Befürchtung, dass die Polizei ihr selbst gewähltes Image als „starker Freund“ der Bürger beschädigen könnte, wenn man ihre Rolle im NS-Staat tatsächlich aufarbeiten würde.
 

Nur wenig echter Widerstand

Vor allem, da sich diese Rolle nach den Worten von Minister Pistorius wohl am ehesten mit dem Ausspruch „Alle waren verstrickt, der eine bereitwilliger, der andere widerwilliger!“ umschreiben lässt. Dabei waren die Täter längst nicht immer nur die „Macher“ die vor Ort aktiv wurden. „Viele wurden auch zum Schreibtischtäter, bei denen vor allem die absolute Gefühlskälte schockiert, mit der sie ihre Aufgaben ausführten“, erläuterte Dr. Dirk Götting von der Polizeiakademie Niedersachsen. Als beispielhaft griff er dabei den Fall des Polizeikommissars Friedrich Pradel heraus, der den Befehl hatte, die Entwicklung von Vergasungswagen zu organisieren. „Wir haben von Pradel einen Aktenvermerk gefunden, in dem er sich damit brüstet, dass mit drei eingesetzten Wagen 97.000 ‚verarbeitet‘ werden konnten, ohne dass Mängel an den Fahrzeugen auftraten“, berichtete der Polizeihistoriker. Natürlich waren Fälle wie diese nicht die Regel, viele Polizisten seien in der nachträglichen Recherche ausschließlich als Mitläufer aufgefallen. „Was wir jedoch leider fast gar nicht gefunden haben, waren Beispiele für das Themenfeld ‚widerständiges Handeln‘“, so der Historiker. Stattdessen fanden sie immer mehr Negativbeispiele. Auch solche, die sich nicht im Kopf oder mehrere 1.000 Kilometer weit weg von hier abgespielt haben. „Als wir die Ausstellung erstmalig in Nienburg präsentierten, wurde ich von einem älteren Mann angesprochen, der mir einen Fall schilderte, der sich im Umkreis des Hofes seines Vaters ereignet hat“, erzählte Götting. „Dort beschäftigten sie einige Zwangsarbeiter aus dem nahegelegenen Internierungslager, die eines Tages, während sie bei der Arbeit waren, ohne die Angabe von Gründen von Polizisten abgeführt wurden. Sie wurden zurück ins Lager gebracht, wo sie sich zusammen mit den restlichen Lagerinsassen direkt neben zwei Galgen zu stellen hatten, während die Lagerkommandeure in der Nähe ein Festmahl genossen. Als das Mahl schließlich beendet war, ließen die Offiziere zwei der Inhaftierten hängen, weil sie sich an ‚deutschem Volkseigentum‘ vergriffen hätten.“ Als sein Vater die danach völlig verängstigten Arbeiter befragt habe, was sie denn gestohlen hätten, sei es schließlich herausgekommen: „Sie hatten zwei Äpfel aufgehoben und gegessen, die sie am Wegesrand gefunden haben!“
 

Bewusstseinsschärfung für den Rechtsstaat

Allein diese Erinnerung daran, dass die Gräuel der NS-Zeit nicht ausschließlich weit weg passiert sind und somit für die Menschen hier abstrakt waren, ist dabei nach Einschätzung von Minister Pistorius einer der wichtigsten Gründe für die Weiterführung der NS-Ausstellung der Polizei. „Die Ausstellung führt uns außerdem sehr deutlich ins Bewusstsein, was unseren Rechtsstaat mit seinem Wertegerüst ausmacht und wie schnell dies verloren gehen kann“, betonte der Minister. So seien sich beispielsweise Historiker immer noch nicht darüber im Klaren, wann die Weimarer Republik als Vorgängerstaat des NS-Regimes tatsächlich ihre Stabilität verloren habe – bei 5, 10 oder 15 Prozent der Stimmen für die NSDAP. „Aus diesem Grund sollten sich die Vertreter unseres Rechtsstaates bereits jetzt den Anfängen erwehren und den Menschen durch solche Ausstellungen verstärkt ins Gedächtnis rufen, dass der demokratische Rechtsstaat eben keine Selbstverständlichkeit ist, als die sie viele heute betrachten“, machte Pistorius deutlich. Denn Selbstverständlichkeit schaffe keine Bestandsgarantie, sondern vielmehr eine sedierende Wirkung und den Glauben an die „Gottgegebenheit“ unserer heutigen Gesellschaftsordnung. Und dass dies radikaleren Elementen in die Hände spielt, dürften wohl nur die wenigsten bestreiten können. Egal, ob diese nun von rechts oder auch von links kommen.
 


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