Depressive disorders come often in many different ways, but there is a way out
1. März 2013

„Täter müssen endlich zur Verantwortung gezogen werden!“

MOBBING KANN TÖTEN

Die Fälle von Mobbing nehmen zu. Ein juristischer Tatbestand besteht jedoch nicht, sodass die Täter in der Regel viel zu oft davonkommen. Das Deldorado sprach mit der Delmenhorster Psychologin Hannelore Brüggemann, deren Anliegen es ist, beim Thema Mobbing zu sensibilisieren.

 

Mobbingforschung ist noch eine sehr junge Wissenschaft: Erst seit den 1980er Jahren wird die Thematik genauer durchleuchtet. Der schwedische Psychologe und Mobbingforscher Dan Olweus definiert Mobbing als „Missbrauch von sozialer Macht auf der Basis von systematischer und wiederholter Attacken gegen Schwächere“. Und das Thema ist aktuell wie nie: Im vergangenen Jahr blieb laut einer Studie der LMU kaum eine Schule in Deutschland von Mobbing verschont: Rund eine halbe Million Schüler wurden zum Opfer – Zehntausende jede Woche. Grundsätzlich sind jedoch alle Bereiche der Gesellschaft betroffen, wo Menschen zusammenkommen, wie beispielsweise auch der Arbeitsplatz  oder in der Nachbarschaft. Getan wird jedoch kaum etwas. Hannelore Brüggemann vom Individualpsychologischen Zentrum für Familie und Erziehung erklärt: „Mobbing ist heutzutage ein Tabuthema. Es wird bagatellisiert und systematisch toleriert. Diese Verharmlosung ist extrem gefährlich.“

 

Fatale Folgen

Die Folgen von Mobbing können fatal sein. Wenn Menschen durch Ausgrenzung ihr Urbedürfnis nach Zugehörigkeit und Akzeptanz verwehrt werde, führe das manchmal zu psychosomatischen Erkrankungen und nicht selten in eine Depression, die auch einen Suizid nach sich ziehen könne. Zahlen, wie viele Mobbingopfer sich in Deutschland das Leben nehmen, gebe es aber nicht. Anders als in England oder Skandinavien würden Mobbing und Suizid hierzulande statistisch nicht miteinander in Verbindung gebracht. Brüggemann und andere Experten gehen allerdings von einer erschreckend hohen Zahl aus. Auch Amokläufe können mit Mobbing zu tun haben. „Wer Amok läuft, wurde oft auch gemobbt“, sagt die Expertin. In dem Fall sei das Opfer nicht verängstigt oder depressiv, sondern wütend und rachsüchtig.

 

Jeder kann betroffen sein

Gibt es das typische Opfer? „Heutzutage weiß man, dass jeder zum Opfer werden kann“, klärt Hannelore Brüggemann auf, „die Rolle wird dem Opfer zugeteilt. Und auch wenn man eigentlich beliebt ist, kann man zum Opfer werden, nämlich dann, wenn Neid und Missgunst auf der Seite des oder der Täter entstehen.“ Die Täter würden sich hingegen ganz bewusst für ihr Handeln entscheiden. Dies seien häufig Personen mit schwachen Persönlichkeitsstrukturen, oft geprägt durch Erfahrungen in der Kindheit, dass man durch aggressives Verhalten das bekommt, was man will. Macht und Einfluss spielten für den Täter eine große Rolle, erlangen würde er diese zum Beispiel durch Unterdrückung, Manipulation und Demütigungen. „Durch Mobbing werden Werte massiv zerstört und dadurch schadet es im Endeffekt der gesamten Gesellschaft“,  führt Brüggemann weiter aus. „Die Täter müssen endlich zur Verantwortung gezogen werden!“ Viele ließen sich auch durch die Medien beeinflussen. Das prägnanteste Beispiel für Hannelore Brüggemann ist Dieter Bohlen, der in verschiedenen Sendungen immer wieder hoffnungsvolle junge Menschen beleidige, bloßstelle und demütigte. Das sei Mobbing und es senke zudem die Hemmschwelle, auch selbst beleidigend gegenüber anderen zu werden.

 

Mobbing in Delmenhorst

Auch in Delmenhorst ist das Problem Mobbing nicht zu unterschätzen. „Mir wurde von Betroffenen berichtet, dass Delmenhorst eine wahre Hochburg des Mobbings sei“, erzählt Brüggemann. Viele Eltern die zu ihr ins Individualpsychologische Zentrum kommen, beklagten sich darüber, dass sich die Lehrer an den Schule viel zu wenig um das Thema kümmern und den Schülern oft nur den Rat „Macht das unter aus euch!“ geben würden. Damit spielten sie jedoch den Tätern zu, denn so hätten sie quasi den Freifahrtschein, weiterzumachen wie bisher. Brüggemann: „Man kann sich nicht ‚nicht verhalten‘, entweder man hilft dem Opfer oder man unterstützt die Täter, entweder aktiv oder passiv durchs Wegschauen.“ Wichtig sei also, dass man etwas tue, denn das einzig falsche Handeln beim Thema Mobbing sei das Nicht-Handeln. In ihrer Delmenhorster Initiativgruppe „Gemeinsam gegen Mobbing“ gibt Hannelore Brüggemann praktische Tipps, wie man sich als Opfer von Mobbingattacken verhalten kann, bietet psychische Entlastung und entwickelt Konzepte, wie man den Mobbern frühzeitig Einhalt bieten. Besonders pikant: Betroffene haben Brüggemann berichtet, dass angeblich auch im Rathaus heftig gemobbt werde. Dies wird jedoch vonseiten der Stadt dementiert. Oberbürgermeister Patrick de La Lanne erklärt: „Das Thema Mobbing nehmen wir sehr ernst. Aus diesem Grund haben wir entsprechende Maßnahmen wie die Einrichtung einer Geschäftsanweisung sowie die Benennung von Vertrauenspersonen präventiv eingeleitet.“

Mobbingopfer bekommen Hilfe bei Hannelore Brüggemann unter der Nummer 04221-20878, den Beratungsstellen der evangelischen und katholischen Kirche, örtlichen Psychotherapeuten oder dem Sozialpsychiatrischen Dienst im Fachdienst Gesundheit.


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