treffpunkt
1. August 2013

„Man sieht in den Augen die Dankbarkeit“

VON DER BEWEGENDEN ARBEIT EINES INTEGRATIONSLOTSEN

Muhanad Paulus ist Integrationslotse. Er und die 43 weiteren ehrenamtlichen Lotsen kümmern sich in Delmenhorst um Menschen mit Migrationshintergrund, die Hilfe bei Amtsgängen oder anderen Hürden brauchen. Doch wie läuft das eigentlich ab? Das Deldorado hat ihn bei einem Einsatz begleitet.

Beim Treffpunkt der Integrationslotsen in der Kaufpark-Passage herrscht Gemütlichkeit. An der Wand steht ein braunes Ledersofa, drum herum sind ein paar Sessel gruppiert. Der Duft frischen Kaffees steigt in die Nase, die Szenerie verbreitet Café-Atmosphäre. Es ist ein heimeliger Ort für neu angekommene Flüchtlinge.

Nach und nach trudeln Leute ein, nicht nur Lotsen, auch viele Menschen, die schon die Hilfe des Vereins in Anspruch genommen haben und anscheinend auch einfach Bekannte. So genau kann man das nicht einordnen, hier ist jeder willkommen. Schließlich wird nicht nur beraten und begleitet, die Lotsen bieten auch einen Treffpunkt für Austausch und Kaffeeschwatz.

2.000 Menschen haben die Lotsen im letzten Jahr betreut

Auch Lutz Gottwald ist gekommen, er arbeitet bei der Leitstelle für Integration der Stadt und erklärt die Funktionsweise des Vereins. Im Moment seien es vor allem syrische Flüchtlinge, die in Delmenhorst unterkommen, erklärt er. Im Jahr 2012 haben die Lotsen rund 2.000 Menschen betreut. „Die Aufgabe der Lotsen ist es, Wege aufzuzeigen“, sagt Gottwald. Es wird viel vermittelt zwischen den Hilfsbedürftigen und Ämtern, sozialen Anlaufstellen, Schulen oder auch Vermietern. Oft werden die Lotsen auch von Organisationen direkt gebeten, jemandem unter die Arme zu greifen. Seit 2007 sind die Lotsen in der Stadt ein fester Ansprechpartner bei Integrationsproblemen.

Wie ergeht es den Flüchtlingen?

Auch Dankha Madjje ist noch ganz neu in Deutschland. Der 34-Jährige hat, wie alle Asylbewerber, zunächst einige Zeit im Grenzdurchgangslager Friedland verbracht, und wurde von da aus nach Delmenhorst geschickt. Madjje stammt aus Syrien und ist aufgrund der angespannten politischen Lage geflohen. Dort hatte er Familie, viel Land und war Landschaftsgärtner. Der junge Mann schaut interessiert, doch er versteht kein Wort von dem, was die Deldorado-Reporterin sagt. Muhanad Paulus muss vermitteln, damit Madjje seine Geschichte erzählen kann. In Syrien hätte er zur Armee gemusst und seine Angst war groß, dass die politische Situation eskaliert. Bevor es so weit kommt, wollte er das Land verlassen. Seine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland gilt nur so lange, bis sich die Lage in Syrien wieder beruhigt hat. Nichtsdestotrotz unterliegt sein Aufenthalt strengen Auflagen, zum Beispiel muss er einen Deutschkurs absolvieren, der ungefähr ein halbes Jahr dauert. Gut für ihn, denn er spricht auch kein Englisch und kann sich hier deswegen so gut wie gar nicht verständlich machen.

„Welche Sprache?“

Muhanad Paulus hat Dankha Madjje bei der Ausländerbehörde kennengelernt, erzählt er. Als er dorthin einen anderen Asylbewerber begleitete, traf er auf den Syrer. Hilflos stand er da und schöpfte Hoffnung aufgrund von Paulus dunklen Haaren. „Welche Sprache?“ habe Madjje ihn damals in gebrochenem Deutsch gefragt und war dann froh, sich endlich mit jemandem auf Arabisch verständigen zu können. Seitdem wird er von Muhanad Paulus in jeder Hinsicht unterstützt.

Eine Wohnung ohne Möbel

Madjje hat einen Mietvertrag für eine Wohnung ab Juli unterschrieben. Die Kosten übernimmt das Jobcenter. Doch in dieser Wohnung stehen keine Möbel. Und wie sollte es anders sein, der Syrer kann sich auch keine leisten. Doch obwohl er noch nicht einmal ein Bett hat, muss er aus seiner möblierten Asyl-WG ausziehen, denn das Jobcenter kommt nicht für zwei Mieten gleichzeitig auf. Dankha Madjje ist sehr dankbar für die Hilfe der Integrationslotsen, Paulus übersetzt seine Worte eindeutig: „Ohne euch Lotsen hätte ich das alles nicht geschafft, immer hin und her!“ Kein Wunder, die deutsche Bürokratie überfordert schließlich schon die meisten Deutschen.

Viel Geduld beim Jobcenter

Heute haben Dankha Madjje und sein Lotse einen Termin beim Jobcenter. Dort geht es ganz schnell: Nummer ziehen und rein. „Ich finde die Mitarbeiter beim Jobcenter sehr nett. Sie sind immer sehr geduldig mit mir, nicht wie in Syrien“, übersetzt Muhanad Paulus für seinen Schützling. Auch Paulus beweist viel Geduld: Er übersetzt jeden Satz der Sachbearbeiterin, bis Madjje wirklich alles verstanden hat und auch Fragen stellen kann. Schwierigkeiten macht die Sprachbarriere trotzdem: Jobcenter-Kunden müssen eigentlich eine Telefonnummer angeben, unter der sie immer erreichbar sind. Aber was kann das bringen, wenn man doch nichts versteht? Dolmetscher für solche Fälle gibt es im Amt nicht. Also springt Paulus ein und hinterlässt seine Nummer, so kann er dauerhaft zwischen dem Syrer und dem Jobcenter vermitteln.

Wohnung auf der Nordwolle

Madjje zeigt uns die Wohnung, um die es geht. Sie ist fast vollkommen leer. Selbst der Teppich muss raus, er ist nicht mehr zumutbar. Ein Bett und Stühle gibt es auch nicht. Trotzdem ist er froh, in Delmenhorst auf so viel Hilfe zu stoßen. Beim Reingehen vor der Tür spiegelt sich Ungläubigkeit in seinen Augen. Paulus sagt, dass Madjje ihn, seit er die Schlüssel zur Wohnung erhalten habe, viele Male gefragt habe: „Ist das wirklich meine Wohnung? Ich habe die Schlüssel, aber ich habe doch gar nichts bezahlt.“ Auch nach mehreren Jahren Arbeit mit Flüchtlingen ist Muhanad Paulus sichtlich gerührt darüber: „Man sieht in den Augen die Dankbarkeit.“ Eine schönere Bestätigung kann es für einen Integrationslotsen wohl nicht geben.


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