Komsaufen in Delmenhorst
1. Februar 2014

Komasaufen: Ein Problem in Delmenhorst?

FRÜHZEITIGE PRÄVENTION IMMER WICHTIGER
Komasaufen unter Jugendlichen ist ein Phänomen, das auch in Delmenhorst immer akuter wird: Mittlerweile landen schon etwa 30 Kinder und Jugendliche jährlich mit Alkoholvergiftung im Klinikum Delmenhorst. Henning Fietz und seine Kollegen von der Anonymen Drogenberatung Delmenhorst wollen diesem Trend Einhalt gebieten.
 
Alkohol: Das ist eine dieser Drogen, die gemeinhin als gesellschaftlich akzeptiert gelten. Sogar an einigen Ausgabestellen des Deldorados sind alkoholische Getränke für jeden Erwachsenen frei verkäuflich. Und solange der edle Tropfen verantwortungsvoll und in Maßen genossen wird, lässt sich daran nach gängiger Meinung kaum etwas Schlechtes finden. Doch besonders Jugendliche – häufig solche, die per Gesetzt noch gar nicht alt genug sind für den Alkoholkonsum – nehmen es nicht ganz so genau mit der Verantwortung beim Trinken und treffen sich immer regelmäßiger zum sogenannten „Komasaufen“. Für Henning Fietz eine beunruhigende Entwicklung, die schneller voranschreitet, als vielen bewusst ist.
 

Betrunken mit 14

Die überraschenden Zahlen, welche Fietz, Präventionsfachkraft bei der Anonymen Drogenberatung Delmenhorst (drob), zitiert, sprechen jedenfalls eine deutliche Sprache: „Schon 2009 wurde beobachtet, dass das sogenannte ‚binge drinking‘ weit stärker verbreitet ist, als allgemeinhin angenommen. Dies wurde insbesondere über einen deutlichen Anstieg der in Deutschland wegen einer Alkoholvergiftung behandelten Kinder und Jugendlichen sichtbar.“ Im Vergleich zum Jahr 2000 sei die Zahl der Behandlungen um über 200 Prozent gestiegen und stagniere seit 2008 auf hohem Niveau. Delmenhorst bildet hier natürlich keine Ausnahme: Circa 30 Kinder und Jugendliche würden jährlich in das Klinikum Delmenhorst gGmbh – Klinik für Kinder- und Jugendmedizin wegen einer Alkoholvergiftung eingeliefert. Auch hier seien die Zahlen vom Jahr 2000 (19) bis 2013 (30) gestiegen. „Hierzu haben wir konkrete Zahlen, da das Aktionsbündnis ‚Riskanter Konsum‘ 2008 und 2012 eine große Studie in Delmenhorst durchgeführt hat. Die Ergebnisse zeigen, dass das Durchschnittsalter, in dem die ersten Rauscherfahrungen gemacht werden, schon im Alter von 14,3 Jahren liegen“, sagt Fietz.
 

Frühzeitig intervenieren

Beunruhigend sei hierbei, dass jedes zehnte Kind in Delmenhorst im Alter von 12 bis 17 Jahren mindestens einmal in der Woche Rauschtrinken betreibe. Von einem akuten Komasaufen-Problem könne in Delmenhorst zwar noch nicht die Rede sein, doch es sei besonders wichtig, im Sinne einer frühen Intervention rechtzeitig einzugreifen, damit es gar nicht erst dazu komme. In Kooperation mit dem Klinikum Delmenhorst führt seine Organisation deshalb im Rahmen des Projekts „HALT in Niedersachsen“ regelmäßig Gespräche mit Kindern und Jugendlichen, die mit einer Alkoholvergiftung in die Klinik eingeliefert wurden – und das unmittelbar nach der Einlieferung. In fast allen Fällen würden auch die Eltern in die Gespräche mit einbezogen, um beispielsweise den Umgang und die Regeln rund um das Thema Alkohol in der Familie zu besprechen. Auch wird nach Anzeichen für sonstige Probleme zum Beispiel im Freundeskreis oder in der Schule geschaut.
 

Kaum Partys ohne Schnaps

Diese „Brückengespräche“ sollen der Aufarbeitung und Reflektion des Vorfalls dienen und eine Risikoeinschätzung liefern. Eine Sensibilisierung für das Thema „Alkoholkonsum und seine möglichen schädlichen Folgen“ soll erreicht werden. Fietz erklärt: „Sowohl die Kinder und Jugendlichen als auch deren Eltern sollen zu einer Verhaltensänderung motiviert werden. Gelegentlich findet auch eine Vermittlung in weiterführende Hilfen statt und die Gespräche werden dann auf Wunsch in der Drogenberatung fortgeführt.“ Erfreulich sei, dass es bisher nur sehr selten zu einer zweiten Einlieferung gekommen sei. Unstrittig ist jedoch: Schon eine Einlieferung ist eine zu viel. Aber warum kommt es auch in Delmenhorst immer öfter dazu? Nach den Erfahrungen des Suchtexperten sind sich viele betroffene Jugendliche durchaus bewusst, dass sie zu viel trinken. Nur leider fehlt ihnen die Möglichkeit, sich abzugrenzen, weil Alkohol einfach „dazugehört“. „Eine Party ohne Alkohol kann sich zwar die Hälfte der Jugendlichen gut vorstellen, da es aber kaum Partys ohne Alkohols gibt, stellt sich diese Frage überhaupt nicht“, betont Fietz. Hier trifft offenbar auch die Erziehungsberechtigten klar eine Mitschuld: Rund ein Drittel der Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren berichte, dass die Eltern nichts dagegen hätten, wenn die Kinder sich betrinken würden.
 

Aufklärungsunterricht in der Mache

„Allgemein ist es wichtig, dass die Supermärkte und andere Verkaufsstätten von Alkohol sich an das Jugendschutzgesetz halten, dass Eltern sich für das Verhalten ihrer Kinder interessieren und nicht gar selbst Alkohol an ihre Kinder unter 16 Jahren rausgeben – Letzteres kommt leider viel zu oft vor“, mahnt Henning Fietz. An diese Jugendlichen richtet sich Henning Fietz mit drob verstärkt. Mit Projekten an Schulen wie „drob+hop“, KlarSicht“ oder „looping“ versucht die Einrichtung, die gefährdete Zielgruppe möglichst früh zu erreichen. Für dieses Jahr sei dabei schon die nächste vielversprechende Maßnahme in Planung – Delmenhorster Schüler dürfen sich wohl auf einen Unterricht der etwas anderen Art gefasst machen: „Eine Arbeitsgruppe aus verschiedenen Experten hat sich zur Aufgabe gemacht, Ende 2014 ein einheitliches, nachhaltiges Präventionskonzept zu verabschieden. Dieses Konzept gewährleistet, dass die Schülerinnen und Schüler alle zwei Jahre eine Maßnahme zu Thema Drogen, speziell Alkohol, Tabak und Cannabis, durchlaufen und Eltern informiert werden. Das ist in Deutschland einmalig!“
 


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