Oldenburger Landgericht - Aussenansicht des Landgerichts
1. Februar 2013

Die große Frage nach dem Warum

19-JÄHRIGE WEGEN VERSUCHTEN MORDES VERURTEILT

Angelique G. und Sehrivan A. waren lange beste Freundinnen. Am 11. Juli 2012 stach Sehrivan in der Delmenhorster Innenstadt plötzlich mehrfach auf die damals schwangere Angelique ein. Im Januar fand die Gerichtsverhandlung statt – und die Frage nach dem Motiv überschattete alles.

 

„Sehrivan hat mich besucht und wir haben uns gut verstanden. Als wir uns unten im Treppenhaus verabschiedeten, sagte sie zu mir, dass sie eine Überraschung für mich habe, ich solle aber nicht böse sein, wenn es mir nicht gefällt. Dann bat sie mich, meine Augen zu schließen und die Arme auszustrecken. Das Nächste, was ich spürte, war, dass sie mir ein Messer in den Bauch rammte.“ So schildert das Opfer Angelique G. (19) den Vorfall am 11. Juli 2012. Insgesamt achtmal stach Sehrivan A. (ebenfalls 19) auf ihr Opfer ein, zerschnitt dabei eine Niere, beschädigte die Bauchspeicheldrüse und verletzte die Darmaufhängung, sodass Dünndarm aus der Wunde austrat. Als Angelique anfing zu schreien, zog die Täterin ihr das Messer über den Hals, als Angelique flüchtete, stach sie ebenfalls noch einmal zu und verletzte dabei die Lunge. Zeugen, die das Opfer fanden, verglichen die Szenerie mit Kriegsbildern aus dem Nahen Osten. Danach flüchtete die Täterin, wurde aber bereits kurze Zeit später von der Polizei festgenommen. Das Opfer überlebte nur knapp und hat immer noch weitere OPs vor sich. Das Traurigste an der ganzen Sache: Angelique war zu diesem Zeitpunkt schwanger und verlor wegen der Verletzungen ihr Baby in der 14. Schwangerschaftswoche. Vater des Babys war pikanterweise der Bruder der Täterin.

 

Die Gerichtsverhandlung

 

Am 17. Januar wurde Sehrivan A. vor dem Oldenburger Landgericht wegen versuchten Mordes zu sechs Jahren Haft verurteilt. Während der Verhandlung war das junge Mädchen teilgeständig, bei wichtigen Punkten allerdings – davon ging die Kammer aus – hat es gelogen. So leugnete die Täterin unter anderem, von dem Baby zu wissen, wohingegen sie bei der polizeilichen Vernehmung gesagt hatte, dass sie deshalb in den Bauch gestochen habe. Von ihr gesendete Nachrichten, unter anderem SMS, widerlegten diese Aussage ebenfalls. Außerdem behauptete die Täterin, dass  sie und Angelique in Streit geraten seien und sie deshalb zugestochen habe. Eine angekündigte Überraschung sowie die Aufforderung, die Augen zu schließen, habe es nie gegeben. Aber hier folgten die Richter der Aussage von Angelique. „Es gab viele unglaubhafte Angaben der Angeklagten, jedoch keine Anhaltspunkte, dass Sehrivan die Wahrheit sagte und Angelique lügt“, sagte der Vorsitzende Richter Dr. Dirk Reuter. „Sehrivan hätte den Tod ihrer Freundin billigend in Kauf genommen und hat ihre Arg- und Wehrlosigkeit ausgenutzt. Spätere Einlassungen werten wir nur als Schutzbehauptungen.“

 

Was war das Motiv?

 

Etwas blieb während der gesamten fünf Prozesstage nicht greifbar: das Motiv der 19-Jährigen. Bei ihrer Aussage wandte sich Angelique direkt an ihre ehemalige beste Freundin und fragte: „Warum hast du das getan?“ Doch Sehrivan konnte den Mordversuch selbst nicht erklären und blieb ihr eine Antwort schuldig. Lag es womöglich an dem jesidischen Glauben ihrer Familie? Das Jesidentum ist eine monotheistische Glaubensgemeinschaft mit einem eigenen Kastensystem, eine Heirat ist nur innerhalb der eigenen Kaste erlaubt, bei einer Heirat mit einem Andersgläubigen tritt man automatisch aus der jesidischen Glaubensgemeinschaft aus. In Frauenhäusern werden überdurchschnittlich viele Frauen aus jesidischen Familien aufgenommen, die wegen einer Zwangsheirat flüchten. Das mag daran liegen, dass dies überdurchschnittlich oft gemeldet wird – oder aber, weil es in dieser Religionsgemeinschaft öfter zu Zwangsheiraten kommt als bei anderen Glaubensrichtungen. Auch „Ehrenmorde“ in jesidischen Familien wurden in den letzten Jahren vermehrt öffentlich.

Sehrivans Familie soll zumindest mit der Beziehung von Sherivans Bruder zu Angelique, die keine Jesidin ist, und vor allem mit der Schwangerschaft ganz und gar nicht einverstanden gewesen sein und habe sie zum Schwangerschaftsabbruch gedrängt, so die übereinstimmenden Aussagen von Angelique, ihrer Mutter und anderer Zeugen. Sehrivan gab vor Gericht zu, dass sie sich schuldig gefühlt habe, da sie Angelique in die Familie gebracht und somit erst die Beziehung zwischen ihrer Freundin und dem Bruder ermöglicht habe. Hat sie sich deshalb verantwortlich gefühlt und sich dieses „Problem“ gekümmern? Bei der Polizei gab sie an, dass sie aus einem Grund am 11. Juli zu Angelique ging: „Ich wollte, dass sie die Beziehung zu meinem Bruder beendet, wenn nicht, hätte ich sie umgebracht.“

 

Neid und Missgunst?

 

Oder war Eifersucht der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte? Denn einige Monate zuvor hatte Sherivan wohl selbst eine Beziehung mit einem Mann, der sogar Jeside war, allerdings in der falschen Kaste. Als ihr Bruder dies erfuhr, drängte er sie dazu, die – in seinen Augen falsche – Beziehung zu beenden, obwohl er selbst mit Angelique zusammen war, die nicht einmal dem jesidischen Glauben angehörte und auch noch sein Kind austrug. Vielleicht nahm diese Situation Sehrivan sehr mit, ebenso wie die Tatsache, dass sich Angeliques und ihr Leben in völlig verschiedene Richtungen entwickelte: Angelique hatte eine Ausbildungsstelle, Sehrivan schrieb Bewerbungen, war jedoch arbeitslos. Angelique hatte eine Beziehung, die Sehrivan nicht haben durfte, Angelique hatte Freunde, Sehrivan gab an, dass sie zu der Zeit sehr zurückgezogen gelebt habe. Auch die Richter erklärten sich so den Fall: „Vielleicht ist es ein Motivbündel, aber das ist nur eine Möglichkeit. Vielleicht ist es aber auch so, dass es für die Tat niemals eine Antwort gibt.“

Anwältin Dr. Corina Seiter, die das Opfer als Nebenklägerin vor Gericht vertrat, erklärte, dass das Angelique nach ihrer Aussage vor Gericht völlig zusammengebrochen sei und mit niemandem außer der Psychologin mehr rede: „Im Prinzip sind wir mit dem Urteil zufrieden, aber wenn man sieht, was für Folgen die Tat für das Opfer hat, ist ‚zufrieden‘ nicht das richtige Wort. Die Frage nach dem Warum quält sie sehr und wird sie weiterhin quälen.“


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