Deutschland Karte politisch
1. Februar 2013

Delmenhorst, Stadt der Depression

PSYCHISCHE NIEDERGESCHLAGENHEIT

In Delmenhorst werden laut Statistik prozentual mehr Depressionskranke behandelt als im restlichen Norddeutschland. Doch Antworten auf die Frage, warum das so ist, sind nur schwer zu finden.

 

Delmenhorst ist keine fröhliche Stadt. Wo immer sich die Gelegenheit bietet, wird hier gern gehadert und gemosert: über die Stadtverwaltung, die Ratspolitik, die Innenstadt, den Zustand der Straßen, die Radwege – die Reihe ließe sich endlos fortsetzen. Auch das vor Jahren erschienene Delmenhorst-Lied der Band Element of Crime zeichnet kein sonniges  Bild dieser Stadt. Und selbst das renommierte FAZ-Feuilleton hat erst kürzlich festgestellt, dass es hier gewisse Besonderheiten gibt. Bei der Besprechung des Buchs „Die Wärme des Körpers der Frau Pietsch“ von Jörg Hannemann lautet die Überschrift: „Delmenhorst als stadtgewordene Depression“.

 

Depression als Diagnose

Und das ist tatsächlich näher an der Realität, als es zunächst scheint. Neben dem subjektiv wahrgenommenen Eindruck, dass in dieser Stadt einige Menschen anscheinend zu Missmut und Antriebslosigkeit neigen, gibt es offizielle Zahlen, die belegen, dass es hier auch überproportional viele Fälle von Depressionserkrankungen gibt. Das geht aus Daten hervor, die das Zentralinstitut für kassenärztliche Versorgung aufgrund von Abrechnungsdaten der niedergelassenen Ärzte in seinem Versorgungsatlas (www.versorgungsatlas.de) zusammengetragen hat. Auch das Magazin Stern hat sich in der Ausgabe 51/2012 damit auseinandergesetzt. Demnach gibt es in Delmenhorst 12,7 Prozent an Betroffenen. Daran kommt weder die benachbarte Großstadt Bremen (9,8 Prozent) noch das Umland heran. Keine andere norddeutsche Kommune hat statistisch mehr Depressionsfälle als Delmenhorst. Der Bundeschnitt liegt bei 10,2 Prozent.

 

Gründe schwer zu finden

Doch woran liegt es, dass hier so oft eine Depression diagnostiziert wird? Das Zentralinstitut für kassenärztliche Versorgung kann die Frage nicht klar beantworten. Generell im Hinblick auf Orte mit erhöhtem Depressionsvorkommen erklärt Doktor Sandra Mangiapane, die die Erstellung des Versorgungsatlasses verantwortet: „Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass es dort ein großes Angebot an Weiterversorgungsstellen gibt.“ Denn je mehr Nervenärzte und Psychiater es in einer Region gibt, umso besser ist das Betreuungsnetz, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass eine Depression entdeckt wird. Doch für Delmenhorst scheint dies nicht die passende Erklärung zu sein. Das benachbarte Bremen weist deutlich mehr Ärzte für psychische Probleme auf, behandelt aber im Verhältnis weniger Patienten. Detlef Haff, Sprecher der kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, sagt, dass die Beantwortung der Frage nach der hohen Zahl in Delmenhorst schwierig sei. Sein Erklärungsversuch: „Gemäß der aktuellen Analyse der Versorgungsatlas-Experten treten Depressionen häufiger in Regionen mit einem höheren Anteil an sozial schlechter gestellten oder allein lebenden Menschen auf.” Und in der Tat ist die Sozialstruktur in der Stadt nicht so positiv entwickelt wie im Umland. Das spiegelt etwa die Arbeitslosenzahl wider, die über der des benachbarten Landkreises liegt. Auch Haffke zieht den Schluss, den auch schon Dr. Mangiapane gezogen hat: „Darüber hinaus kommt es auf die Versorgungsstruktur an: Die Anzahl niedergelassener Psychiater, Nervenärzte und Psychotherapeuten in der Region wirkt sich auf Entdeckung und Dokumentation aus.” Haffke weist zudem ergänzend darauf hin, dass die Depression auch altersabhängige Schwankungen zeige. „Die aktuellen Analysen zeigen einen sogenannten zweigipfligen Altersverlauf der Depressionsprävalenz. So steigt die Prävalenz zunächst bis zum 60. Lebensjahr an, fällt im Renteneintrittsalter deutlich ab und steigt ab dem 70. Lebensjahr wieder an.“

 

 

Was sagt die Stadt?

Und wie äußert sich die Stadt zu den erhobenen Daten? Zuständig ist der Sozialpsychiatrische Dienst im Fachdienst Gesundheit. Er kümmert sich im Jahr um rund 800 Personen mit unterschiedlichen Krankheitsbildern. Neben den klassischen Depressionserkrankungen betreut er auch Alzheimer-Patienten, schizophrene Patienten, verhaltensauffällige Jugendliche, die in einem psychisch desolaten Zustand sind oder auch Menschen mit Borderline-Störung. Die ärztliche Leiterin Dr. Iphigenie Brandenbusch teilt über die Pressestelle der Stadt mit, dass es, empirisch betrachtet, nicht bestätigt werden könne, dass es in der Stadt Delmenhorst mehr Menschen mit Depressionserkrankungen gebe. Laut Dr. Brandenbusch sei die Zahl der Menschen, die an Depressionen leiden, in den letzten Jahren konstant geblieben.

Weitere Infos: www.versorgungsatlas.de,  www.deutsche-depressionshilfe.de.

 

 


Schlagwörter: , , , , , , , , ,